Uli Ostermann Ich verstehe den Aspekt der Vergaenglichkeit in den Skulpturen. Ich denke, jeder gesunde Mensch,weiss um seine Vergaenglichkeit. Bishin zum erklaerten Tabu muss er diese Tatsache fuer das Bewerkstelligen jedes Tages mehr oder weniger bewusst an die Seite schieben. Ich teile auch Thomas' Aufffassung von einer modernen Sinnentleerung der Seele. Mich beschaeftigt der Gedanke, dass wir nicht nur vergaengliche Koerper haben, sondern auch Beziehungswesen sind und Sinn brauchen. Das gehoert zu den elementarsten Bestandteilen unserer Identitaet. Nimm Beziehung (isolier) und Sinn von jemanden, und du hast die perfekte Foltermethode. Kommunkiationsverweigerung in Partnerschaft und Familie ist schon so ein schlimmer Machtmissbrauch oder Rufmord. Fuer mich ist Identitaet das Resultat eines Balanceaktes zwischen individuellen Erwartungen und den Rollenerwartungen der anderen an uns, ob Gruppe oder Nation. Wir sind individuel und sozial abhaengig zugleich; ein Balanceakt, der immer und damit aktuell passiert. Wir wissen, wenn wir nur das tun, was die anderen von uns wollen, haben wir uns selbst verloren und sind verschwunden. Tun wir nur das, was wir wollen, sind wir Egoisten. Es ist der Mittelweg als angestrebtes Ziel und Ideal; das Ausbalancieren, was auch die Faehigkeit zum Kompromiss-schliessen mit sich bringt. Da dies nichts Statisches ist, halte ich dies fuer ein sehr empfindliches inneres Gefuege in der menschlichen Persoenlichkeit. Sinnentleerung scheint in vielen Faellen das Resultat eines missbraeuchlichen Eingriffes von aussen in dieses Gefuege zu sein, der gegen Beziehungs- und Identitaetsbildung arbeitet. Es ist die ruecksichtslos manipulierende Dominanz der aeusseren Erwartungen, die das Ausbalancieren fuer die persoenliche Identitaet behindert, aus ueberbaulichen Motiven heraus wie power play und/oder Profitdenken mehr oder weniger gesichtsloser Drahtzieher. Wie oben schon mal angesprochen, scheint "Sinnentleerung" der Zustand zu sein, sich verloren zu haben, weil der soziale Aussendruck (Familie, Gruppe,Nation,etc)dominiert und nicht mehr Raum fuer das Leben seiner eigenen Wertvorstellungen laesst.Das Wettbewerbs-und Konkurrenzdenken als ausschiessliches Lebenscredo hat z.B. "Verlierer" und "Gewinner" in seinem Sprachjargon, was tagtaeglich wie ein Mantra auf uns einwirkt. Das Wort "Verlierer" trifft wie eine Waffe ins eigene Glaubenssystem, wenn man anderen erlaubt zu definieren, wer man ist, und Gruppendruck ist nicht zu unterschaetzen. Ich will in Arbeiten zum Thema "Mensch" ueber diesen depressiven Ist-Zustand der Sinnentleerung hinaus, denn Sinnentleerung macht und ist depressiv. Darum male ich ueber die Neuentdeckung des Individuums und die Findung des Selbstrespekts und damit Sinnfindung. Nicht als naive Idealisierung sondern als ernsthaft verstandene Bedingung, als Staerke, um diese Laehmung "Sinnentleerung" aufzuknacken. Die Abwertung des Indidviduums und Minderung des Selbstwertgefuehls ist fuer mich eines der wesentlichen Ursachen unserer grossen globalen Probleme. Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen unausbalancierten menschlichem Inneren und des in seinem oekologischen Gleichgewicht angeschlagenen Planeten. So wie der selbstzerstoererische Krebs unser System Koerper auffrisst und damit sich selbst vernichtet, frisst menschliche Verantwortungslosigkeit unser System Erde auf, von der wir abhaengig sind. Ich finde diese Symptome sehr auffaellig. Das Gesicht eines Menschen - um ganz ganz schnell wieder den Bogen zu Thomas' Skulpturen zurueck zu schlagen - zeigt der Aussenwelt am direktesten Beseelung und Ausdrucksstaerke. Man sagt ja sogar, die Augen sind die Fenster zur Seele. Willst du mit dem Einsetzen der Schaedel ausdruecken, dass keine Beseelung mehr vorhanden ist, und dass du den Menschen aufgegeben hast und ihn nur als hoeheres Tier siehst? Es sind naemlich keine Menschenschaedel ( Gott Lob!). Das Phenomaen Mensch ist schon verloren? Das waere dann ein dicker Widerspruch zu deiner paedagogischen Taetigkeit, die doch dann eigentlich hinfaellig geworden ist. Und was meinst du genau damit, dass der Seelenbegriff, als "heute entleerte Gesellschaftmetapher neu bestimmt werden muss" ? Diesen letzten Aspekt, diese Aufforderung zur Neudefinierung, den finde ich nicht in deiner Skulptur. Ich spuere bei dir ' So ist es, da kann man nichts mehr machen'. Hoffentlich lieg ich falsch. :)
Thomas Schaeffler Nun, wir kommen alleine und wir gehen alleine. Den Raum dazwischen gilt es zu gestalten und zu füllen. Wie sinnvoll uns dies gelingt ist höchst individuell und dehnbar – wenngleich die Entleerung des Sinns nicht formuliert und nicht zur Diskussion gestellt wurde. Auch ist der Terminus Vergänglichkeit nicht rein negativ zu besetzen und folglich auch nicht einzig in die Nähe eines Verlierens und Verlorenseins zu bringen. So sollte es doch in der Auseinandersetzung mit dem Sein gelingen, in sublimativer und eben differenzierter Art und Weise, das Leben an sich, Wege und gewiss Handlungen auch, zu reflektieren, um aus Vergangenem zu lernen und weiter bestmöglich aufgestellt zu sein – auch ein pädagogischer Ansatz und Auftrag. Ich denke und glaube, dass in der künstlerischen Arbeit weit mehr möglich ist und verborgen liegt, als die bloße Darstellung von Dingen die über die Jahrhunderte hinweg mehrfach wiederholt und diskutiert wurden. Gleichwohl kann und muss diese Kreisdrehung als Einstiegsmöglichkeit dienlich sein und genutzt werden, um einen Ausstieg aus der Opferrolle vorzubereiten und durchzuführen, um im Hinblick auf einen ausgewogenen Bewusstseinszustand, ein sinnerfülltes sprich wahr- und annehmbares Leben zu ermöglichen und eine gemeinsame QuickInfo-Auslöser hier einfügenHandlungsorientierung zu gewährleisten. „Nichts mehr machen zu können“ wäre in der Tat die völlig falsche Schlussfolgerung. Wie gesagt kann die Darstellung allein allenfalls den Impuls liefern, in Gang kommen und diesen einem Flow zuzuführen ist Sache des Individuums – welches wir dabei lediglich unterstützen können. Danke Dir für Deinen interessanten Beitrag, liebe Uli!
Uli Ostermann Dass wir allein kommen und auch allein gehen muessen, und dass es gilt, den Raum dazwischen sinnvoll zu fuellen, ist ein legitimer pragmatischer Ansatz. Du beziehst dich auf das, was wir sehen. Natuerlich ist dies individuell und dehnbar nach allen Seiten, wie du schreibst. Ich bin vorsichtig geworden das "ja so ist es" ( bezogen in diesem Fall auf Geburt und Sterben -) zu postulieren. Ich kann nur von meinen Erfahrungen/Beobachtungen sprechen. Basierend darauf betrachte ich mich/ uns als Informationswesen ( nicht kalt gemeint!). Das ist mein pragmatischer Ansatz, den ich fuer offener halte und der mehr Raum fuer 'da ist noch mehr' zulaesst. In puncto 'Informationswesen' koennte es sein, dass wir wie ein Computerprogramm funktionieren ( auch nicht kalt gemeint!), aber weit mehr darueber hinaus sind als das. Das faengt schon damit an, dass wir kein Kabel in die Wand stecken muessen, um uns zu aktivieren. Wir speichern Wissen, loeschen Erinnerungen durch Verdraengen,Vergessen, Verleugnen etc, Vernetzen uns mit anderen. Psychologisch gesehen brauchen wir auch unser Viren-Schutzschild, was Manipulationen durch andere angeht oder Kurzschluss durch Trauma. Dass der Koerper vergleichbar mit der Hardware sein koennte und dass, was wir als Seele bezeichnen, die Software, finde ich spannend. Wohl gemerkt, dass sind meine Ueberlegungen, .......aber fazinierend ist es schon. Deswegen wuerde Vergaenglichkeit auch nicht negativ zu sehen sein, um mich auf deine Anmerkung zu beziehen. Es beschreibt ja nur den Vorgang von Bewegung, Prozess und Veraenderung, und offensichtlich sind wir designed, uns in diesem Fluss zu orientieren und zu begreifen. Um aber bei deinen Skulpturen zu bleiben, Thomas..... Warum muss ich jetzt gerade an N.Hirschmann denken, der vor kurzem da zu mir meinte " Hach, du bist aber hartnaeckig!" ...sorry Thomas...Mich haette schon interessiert, wohin DEINE persoenliche Forderung nach einer Neubestimmung der Seele geht, die du als heute entleerte Gesellschaftsmetapher bezeichnest. Du schreibst, dass die Entleerung des Sinns nicht formuliert und zur Diskussion gestellt wurde. Ueberlaesst du das nur den anderen? Den Teil vermisse ich nun doch, einfach um des Kuenstler's Philosophie dahinter als Impuls wahrnehmen zu koennen. Das ist so meine Neugierde, wenn ich art work von anderen betrachte. Letzte Frage: Hattest du eine bestimmte Absicht, "Hanni und Nanni" als Thema zu nehmen? Ihre Kleidung erinnert mich an Schuluniformen.Ist dies willkuerlich, oder.... Und noch an Bernd, bezogen auf deine vorherige Anmerkung zum Thema Vergaenglichkeit in der Kunst: Ich glaube nicht, dass deine Meinung leienhaft ist, wie du es formuliertest. Und was ist so schlecht an "subjektiv"? Entsteht nicht 'Objektivitaet"meist erst durch subjektive Beitraege mehrerer Menschen? Den Begriff "Akademie" sollte man mal 'entmythifizieren' und 1974 ( ich vermute Ausbildungszeit) war nur ein vorbereitendes Startloch, um deinen kuenstlerischen Stand von heute zu erreichen. Ich finde die Entwicklung viel interessanter und wichtiger als den kuenstlichen Raum "Akademie". Da sind so viele brilliante Kuenstler draussen in der Welt, die nicht auf eine Akademie gehen konnten und mit grosser Wahrscheinlichkeit keine grosse Anerkennung erhalten werden. Das macht sie aber nicht leienhaft. :)
Thomas Schaeffler In weiten Teilen kann ich Dir guten Gewissens sehr zustimmen, ja. Wirklich alles aufzuschlüsseln und zu entzaubern halte ich dennoch für den falschen Impuls - Das Eigene, die Begegnung, das in Beziehung treten und die Auseinandersetzung mit, empfinde ich als die weit größere Herausforderung, die gleichwohl eine sehr gute Ausstattung und Partnerin für das Leben an sich und das Sein darstellt. So sehe ich in mir gerne den, der den Anstoss gibt und wenn die Dinge laufen, bad or good, so ist das fein, weil sie laufen und uns vorwärts bringen und jeder Stillstand Schmerz und das Ende bedeutet - und geistigen Karussellbremsern begegneten und begegnen wir häufig genug. H.&N. entstammen einem Zyklus den ich mit "Best friends" überschrieben habe. Hier begegnen wir, wie u.a. auch Hansi, den "stillen" Heldinnen und Helden, Freunden und Zuhörern der Kinder und Jugendzeit, die uns ein Stück des Weges begleitet haben (aber eben nur ein Stück). Btw habe ich persönlich einen Bogen um diese Schwestern gemacht - bin ja ein Kerl :D ...aber dennoch, wir können in der künstlerischen Arbeit einen guten Instinkt entwickeln für die relevanten Dinge um uns, und diese sozusagen von einer Metaebene betrachten und kommentieren. Also, erinnern wir uns an Vergangenes und erkennen den darin verborgenen Wert, ohne den wir nicht wären wo wir sind. H.&N. sind ggf. für viele ein Teil davon, die ich für dieses Erinnern mit an die Hand gebe,...und dann löse ich mich wieder heraus. Im annehmen und loslassen können sehe ich die zentralsten Lebensfunktionen, Hand auf und Hand zu, Einatmen und Ausatmen. Und ja, es sind Schuluniformen und ein Hinweis auf die pädagogische Gleichschaltung, von der es sich empfiehlt im Geiste zu lösen und seinem Individuum zu folgen und zu vertauen - Ein "Vertraue Deinen Sinnen", sozusagen;)